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Mit
General
de Gaulle sind zwei Bilder verknüpft: dasjenige des Mannes
vom 18. Juni 1940 und dasjenige des Gründers der V. Republik im Jahre
1958.
Charles de Gaulle
wurde am 22. November 1890 in Lille als Sohn einer katholischen und patriotischen
Familie geboren. Nach dem Verlassen der Militärakademie Saint-Cyr
im Jahre 1912 wählte er die Infanterie, die er für "militärischer"
hielt. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet und 1916 gefangengenommen;
nach mehreren Fluchtversuchen wurde er in der Festung von Ingoldstadt
inhaftiert.
Zwischen
den beiden Weltkriegen dachte er über eine Reform der Armee nach.
In seinem 1934 veröffentlichten Werk Vers l'armée de métier
[Einführung einer Berufsarmee] befürwortete er den Einsatz einer
Panzertruppe.
De
Gaulle, 1937 Oberst und Ende Mai 1940 für eine bestimmte Zeit lang
General, wurde von Paul Reynaud, dem Ministerpräsidenten, am 5. Juni
zum Staatssekretär für nationale Verteidigung und Kriegswesen
benannt. Nach seiner Rückkehr von einer Mission in England erfuhr
er am 16. Juni, daß Frankreich um einen Waffenstillstand ersucht
hatte. Er kehrte unverzüglich nach London zurück, um den Krieg
fortzuführen, und rief am 18. Juni über die BBC zum Widerstand
auf.
Durch
seine Entschlossenheit und die Unterstützung Churchills gelang es ihm,
Streitkräfte zu organisieren, die die freien französischen Streitkräfte
wurden. Er schuf ein französisches nationales Komitee mit Hilfe von René
Cassin, aus dem am 3. Juni 1943 das Französische Komitee für die Nationale
Befreiung und ein Jahr später die provisorische Regierung der Französischen
Republik hervorging.
Während
dieser Kriegsjahre scharte er nach und nach die Gebiete des französischen
Kolonialreiches um sich, faßte seine Streitkräfte mit der von Jean Moulin
im Innern Frankreichs angeführten Widerstandsbewegung zu einem einheitlichen
Heer zusammen und machte aus Frankreich an der Seite der Alliierten, das
heißt Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, eine
der Siegermächte. Von seinem Amt als Präsident der provisorischen Regierung
trat de Gaulle am 20. Januar 1946 zurück, da er und die verfassunggebende
Nationalversammlung hinsichtlich der Organisation des Staates unterschiedlicher
Meinung waren.
In
seiner Rede
von Bayeux am 16. Juni 1946 erläuterte er die Grundzüge einer
Verfassung mit einer starken Exekutive, eine Vorwegnahme der Verfassung
der V. Republik. Am 14. April 1947 gründete er die Bewegung Rassemblement
du peuple français [Sammlungsbewegung des französischen Volkes], die zwar
bei den Kommunalwahlen große Erfolge verbuchte, sich allerdings bei den
Wahlen zur Nationalversammlung im Jahre 1951 kaum durchzusetzen vermochte.
Die RPF schulte und mobilisierte jedoch Aktivisten, schuf eine Machtbasis,
die sich 1958 als wichtig erwies.
Das Unvermögen der IV. Republik, die Algerienfrage zu lösen, führte dazu,
daß zahlreiche Politiker aller Lager eine Rückkehr des Generals wünschten.
Nach dem Militärputsch von Algier am 13. Mai 1958 beauftragte der
Präsident der Republik René Coty den "bedeutendsten Franzosen" mit der
Bildung einer neuen Regierung. Am 1. Juni wurde Charles de Gaulle dann
der letzte Ministerpräsident der IV. Republik. Er erhielt Sondervollmachten
und ließ eine neue Verfassung ausarbeiten, die bei einem Volksentscheid
am 28. September 1958 mit 79,2% Ja-Stimmen angenommen wurde. Die verschiedenen
Besitzungen des Kolonialreiches billigten ebenfalls die Verfassung, allerdings
mit Ausnahme Guineas, das somit als erster afrikanischer Staat seine Unabhängigkeit
erlangte. Am darauffolgenden 21. Dezember wurde de Gaulle von einem Wahlmännergremium
zum Präsidenten der Republik und der afrikanischen und madegassischen
Gemeinschaft gewählt.
Die vordringlichste Aufgabe war aber das Algerienproblem. De Gaulle unternahm
zahlreiche Reisen und erkannte, daß die Unabhängigkeit Algeriens unumgänglich
war. Nach dem Angebot des "Friedens der Tapferen" im Oktober 1958 bot
er den Algeriern im darauffolgenden Jahr die Selbstbestimmung an. Der
Putsch der Generale am 22. April 1961 scheiterte und vermochte die Aufnahme
von Verhandlungen mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Front de
la Libération Nationale nicht zu verhindern. Algerien wurde durch das
Abkommen von Évian, das am 22. März 1962 unterzeichnet wurde und durch
einen Volksentscheid in beiden Ländern angenommen wurde, unabhängig.
Das Jahr 1962 markierte einen wirklichen Wendepunkt. Nachdem Frankreich
von der Last des Algerienkrieges befreit war, aber noch unter seinen Folgen
(Rückführung der Franzosen, Attentate der Verschwörerorganisation OAS)
zu leiden hatte, bemühte sich der Staatschef, eine Politik der nationalen
Unabhängigkeit zu betreiben, die den Rang Frankreichs in der Welt stärkte.
De Gaulle setzte die Nuklearpolitik der IV. Republik fort, was zur Zündung
der ersten französischen Atombombe im Februar 1960 in Reganne in der Sahara
führte. De Gaulle, der eine Bevormundung durch die Vereinigten Staaten
ablehnte, zog Frankreich nach und nach aus der integrierten militärischen
Struktur der NATO zurück (1966 war dieser Vorgang abgeschlossen), ohne
allerdings das Bündnis an sich zu verlassen. Bestrebt, ein wirklich europäisches
Europa zu schaffen, suchte er eine Annäherung an die Bundesrepublik Deutschland
und unterzeichnete mit ihr am 22. Januar 1963 den Elysée-Vertrag. Da Großbritannien
seines Erachtens zu sehr auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet war,
lehnte er dessen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ab.
Die gemeinsame Agrarpolitik, die auf seine Initiative hin 1963 geschaffen
wurde, stärkte die EWG.
Eine
"Politik der freien Hände" hieß aber auch die Präsenz Frankreichs in der
Welt stärken, und zwar sowohl gegenüber den Staaten, die aus der einstigen
afrikanischen und madegassischen Gemeinschaft hervorgegangen und seit
1960 unabhängig waren, als auch in Asien und Lateinamerika. 1964 erkannte
de Gaulle die Volksrepublik China an und unternahm eine lange Reise durch
Lateinamerika. In Phnom-Penh hielt er 1966 eine Rede, in der er die amerikanische
Vietnampolitik heftig kritisierte. Als der General im Juli 1967 bei einem
Staatsbesuch in Quebec "Es lebe das freie Quebec" ausrief, verstärkte
er seinen Widerstand gegen den amerikanischen Imperialismus, während er
gleichzeitig die historische Präsenz Frankreichs in Nordamerika verteidigte.
De Gaulle suchte aber auch die Annäherung an die Sowjetunion und an ihre
Satellitenstaaten, um das von ihm gewünschte "Europa vom Atlantik bis
zum Ural" zu schaffen. Seine Reise in die U.d.S.S.R im Juni 1966 ebnete
den Weg für die Politik der "Entspannung, Verständigung und Zusammenarbeit".
General de Gaulle hielt jedoch stets treu zum westlichen Lager; bei der
Kubakrise 1962 war er zum Beispiel der erste, der Kennedy gegen Chruschtschow
unterstützte.
Ein mächtiges Frankreich war aber ohne stabile Institutionen nicht denkbar.
Die Verfassung der V. Republik, die die Handschrift General de Gaulles
trug, stellte hierzu das wichtigste Mittel dar. Gestärkt werden mußte
aber auch die Exekutive durch die Unterstützung des Volkes; denn die Abhaltung
eines Volksentscheids über wichtige Entscheidungen, wie beispielsweise
die Selbstbestimmung Algeriens (8. Januar 1961), das Abkommen von Évian
(8. April 1962), die Verfassungsreform (28. Oktober 1962), die Regionalisierung
und die Reform des Senats (27. April 1969), reichte nicht aus. Nach dem
Attentat in Pariser Vorort Petit-Clamart am 22. August 1962 schlug der
General die Wahl des Staatschefs in allgemeiner Wahl vor, damit dieser
über die erforderliche Legitimation gegenüber die Abgeordneten verfügte.
Seitdem stellen die Präsidentschaftswahlen eine der wichtigsten Gelegenheiten
für eine Beteiligung der Bürger am politischen Leben dar. 1965 wurde der
Präsident der Republik zum ersten Mal in allgemeiner Wahl bestimmt. Nach
seiner ersten siebenjährigen Amtszeit wurde de Gaulle mit 54,8% der Stimmen
gegen François Mitterrand gewählt.
Nach der Währungsreform im Jahre 1958 kam Frankreich das Wirtschaftswachstum
zugute, das unter der IV. Republik eingesetzt hatte. Aber Frankreich "langweilte
sich", und die Maiunruhen des Jahres 1968 offenbarten dies. Zum Protest
der Studenten kam die Unzufriedenheit der Arbeiter hinzu. Der General
wollte eine Reform der Gesellschaft, die insbesondere auf eine stärkere
Beteiligung am Leben im Unternehmen abzielte. Am 30. Mai löste er aber
die Nationalversammlung auf. Und am 27. April 1969 lehnten die Franzosen
eine Vorlage zur Regionalisierung und Reform des Senats in einem Volksentscheid
mit 52,4% der Stimmen ab. Wie angekündigt und das Volk als Souverän achtend,
trat de Gaulle am darauffolgenden Tage zurück.
Er zog sich nach Colombey-les-Deux-Eglises zurück, wo er sich jeglicher
politischer Stellungnahme enthielt und weiter an seinen Memoiren schrieb.
Seine Mémoires de Guerre (Kriegsmemoiren) waren bereits 1954 zum Teil
erschienen; als Charles de Gaulle am 9. November 1970 starb, war lediglich
der erste Band der Mémoires d'espoir (Memoiren der Hoffnung) vollendet.
Während in der Notre-Dame von Paris Staats- und Regierungschefs und hohe
Persönlichkeiten aus aller Welt an einem Staatsakt teilnahmen, wurde er
auf dem Friedhof von Colombey in Anwesenheit seiner Familie, der Kampfgefährten
der Befreiung und der Einwohner seines Dorfes beigesetzt.
Quelle :
Fondation Charles de Gaulle
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